Sehen oder nicht sehen
Am 6. Juni ist Sehbehindertentag. Also ein guter Zeitpunkt, über meine zu schreiben. Ein paar Infos gibt es gratis dazu.
Meine Sehbehinderung begleitet mich schon mein ganzes Leben. Damit habe ich einen Vorteil: Ich kenne es nicht anders. Ich weiß nicht, was Normalsehende können.
Trotzdem merke ich sehr genau, was ich nicht kann. Wenn Andere Texte aus großer Entfernung sehen können. Wenn Andere Gesichter lange vor mir erkennen können. Wenn Andere sich bei der Arbeit am Computer zurücklehnen können.
Inzwischen habe ich meine Behinderung als Teil von mir akzeptiert und hadere nur selten damit. Dass ich nicht Autofahren darf, finde ich inzwischen super (ein großes Ding, als ich achtzehn wurde und alle ihren Führerschein gemacht haben). Durch Nachteilsausgleich stehen mir zum Beispiel mehr Urlaubstage und ein Steuerfreibetrag zu.
Behindert werden
Wenn ich hadere, sind es Momente, in denen das Wort “Behinderung” seinen Sinn offenbart: Wenn mich etwas behindert. Warum sind Straßenschilder so klein? Winkt diese Person auf der anderen Seite mir oder doch jemand anders? Wie weit kann ich mich einem Bild nähern, ohne dass im Museum der Alarm losgeht? Warum kann ich den Text dieser Webseite nicht so vergrößern, dass ich ihn gut lesen kann?
Ja, ich habe Glück, das sind Kleinigkeiten. Ich habe eine Diagnose, einen Schwerbehindertenausweis, muss nicht um Anerkennung ringen. Außerdem sieht man meine Behinderung in Alltagssituationen nicht. Dadurch gehen die Leute “normal” mit mir um, höre ich kaum unangenehme Kommentare. Mitunter vergessen sie meine Bedürfnisse allerdings.
Zahlen - oder sowas ähnliches
Meine Sehbehinderung ist nur eine von vielen. Es gibt verschiedene Ausprägungen, Schweregrade, Bedürfnisse. Die drei großen Kategorien im deutschen Recht sind sehbehindert (nicht mehr als 30% Sehvermögen), hochgradig sehbehindert (nicht mehr als 5%) und blind (nicht mehr als 2%). Die Erkrankungen, die dafür verantwortlich sind, wirken sich aber extrem unterschiedlich aus: “Ein Sehvermögen von 5 % kann bedeuten, dass ein Mensch einen Gegenstand erst aus 5 m Entfernung erkennt, den ein normal sehender Mensch bereits aus 100 m Abstand erkennt. Ein Sehvermögen von 5 % kann aber auch bedeuten, dass ein Mensch (wie durch einen Tunnel) nur 5 % des normalen Gesichtsfeldes sieht.”
Verlässliche Zahlen gibt es keine, nur Hochrechnungen. Laut Statistischem Bundesamt gab es 2021 insgesamt 558.725 blinde und sehbehinderte Menschen in Deutschland. Das ist eher eine “gesicherte Untergrenze”, denn sie zeigt nur diejenigen, die einen Schwerbehindertenausweis haben. Viele behinderte Menschen, auch mit anderen Behinderungen, haben aber keinen. Fakt ist allerdings: Es werden immer mehr, denn gerade Augenkrankheiten gehören zum Altern dazu. Auch hier kann ich mich glücklich schätzen: Bisher verändern sich meine Werte kaum. Ich hoffe sehr, dass das auch im Alter so bleiben wird.
Auf der anderen Seite weiß ich, dass eine Verschlechterung nicht das Ende der Welt wäre. Viele sehen das so (pun intended). Wann, wenn nicht heute, am Sehbehindertentag, können sich auch Normalsehende damit auseinandersetzen, um Ängste abzubauen und den eigenen Horizont zu erweitern. Eine erste Anlaufstelle findet ihr hier: https://www.dbsv.org



